Kreishandwerkerschaft Rureifel

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„Für uns im Handwerk ist eine lange Hängepartie Gift“

ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) über die Konjunktur im Handwerk, Nachwuchskräfte und die Erwartungen an die künftige Bundesregierung.

Herr Wollseifer, wann haben Sie zuletzt einen Handwerker gebraucht?
Ich brauche laufend Handwerker für meine Projektentwicklungsgesellschaft, die ich neben meinem eigenen Handwerksbetrieb auch noch betreibe.

Kommt da immer gleich jemand, wenn Sie anrufen?
Ich erlebe mit Handwerkern genau das, was momentan eigentlich alle Kunden erleben: Es ist schwierig, Handwerker zu bekommen.

Selbst für den Handwerkspräsidenten?
Wenn es ein Notfall ist, ein Dach undicht ist oder die Heizung ausfällt, dann kommen die Handwerker in der Regel sofort. Wenn es aber um Dinge geht, die nicht so dringend sind, dann muss auch ich warten.

Auf welche Handwerker wartet man derzeit besonders lange?
Im Bauhauptgewerbe liegt der Vorlauf mittlerweile bei elf Wochen, im Gesamthandwerk bei fast acht. Die Auftragsbücher sind sehr voll. Es gibt eine große Nachfrage, auf der anderen Seite ringen wir um Facharbeiter. Das Handwerk hat zwar schon bis zur Jahresmitte 33.000 neue Mitarbeiter und damit bereits deutlich mehr als im ganzen Jahr 2016 eingestellt, aber das reicht immer noch nicht.

Wann stocken die Firmen endlich ihre Kapazitäten auf, damit die Handwerkernot ein Ende hat?
Unsere Betriebe sind ständig auf der Suche nach qualifizierten Fachkräften und Auszubildenden. Denn sie schauen äußerst zuversichtlich ins nächste Jahr. Derzeit gibt es noch rund 17.000 freie Ausbildungsplätze im Handwerk.

Was tun Sie dagegen?
Wir gehen auf junge Leute zu, um sie für die 130 Ausbildungsberufe im Handwerk zu begeistern. Viele davon sind sehr anspruchsvoll etwa Hörakustiker oder Chirurgiemechaniker. So vielfältig die Berufe sind, so unterschiedlich ist die Lage in den Gewerken. Tischler zum Beispiel haben nicht so eine große Azubi-Not, anders sieht das bei Fleischern, Bäckern oder Sanitär- und Heizungstechnikern aus. Da gibt es viele unbesetzte Plätze. Wir sprechen die Jugendlichen über Social Media an, gehen an die Gymnasien, setzen auf unsere attraktiven beruflichen Aus- und Weiterbildungsangebote wie das BerufsAbitur oder das triale Studium inklusive Gesellenbrief, Meister und Bachelor. Außer der Promotion hat das Handwerk alles zu bieten.

Wozu brauchen das Handwerk Abiturienten und Akademiker?
Weil in den nächsten zehn Jahren 200.000 Betriebe im Handwerk übergeben werden müssen, die sollen nicht einfach ihre Türen schließen. Wir kümmern uns auch nach wie vor um die anderen. 45 Prozent unserer Auszubildenden sind Hauptschüler. Wir bilden auch Jugendliche ohne Schulabschluss aus. Für Migranten gibt es Integrationsbeiräte im Handwerk und mehrsprachige Ausbildungsbörsen. Jeder zweite Flüchtling in Ausbildung macht diese im Handwerk.

Funktioniert das?
Eigentlich funktioniert das ganz gut. Die größte Barriere ist die Sprache, und leider ist die Qualität der Sprachkurse sehr unterschiedlich, je nach Träger. Außerdem sage ich immer, dass Flüchtlinge letztlich „Deutschland lernen müssen“. Sie müssen unsere Historie kennenlernen, unsere Kultur, wie man hier miteinander umgeht. Auch, dass man einer Kundin die Hand gibt, und dass man die Anweisungen einer Chefin befolgen muss.

Fehlen wirklich nur die Leute oder horten die Betriebe einfach lieber ihr Geld, statt zu investieren?
Aufträge sind nicht gleich Geld, sondern erst mal eine Verpflichtung. Wenn es ein guter Auftrag ist, dann ist es auch einer, bei dem wir nicht nur Umsatz, sondern auch Gewinn machen – ohne den geht es auf Dauer natürlich nicht.

Trotzdem: Was bremst die Investitionen im Handwerk: schleppende Digitalisierung? Infrastruktur? Bürokratie? Steuern? Sozialabgaben?
Wir verzeichnen umfangreiche Investitionen im Handwerk. Die Betriebe haben verstanden, dass Digitalisierung nicht nur eine Homepage bedeutet, sondern digitale Arbeitsprozesse. Und sie investieren in moderne Geräte, Maschinen, Computer und Software. Was wir aber unbedingt brauchen, ist Glasfaser bis in den kleinsten Ort hinein. Es kann nicht sein, dass Handwerker zwar Bauten visualisieren können, aber dann mit ihrem Datenstick erst in die Stadt fahren müssen, um das Ergebnis per Email an ihre Kunden senden zu können. Wenn die Betriebe abgehängt sind auf dem Land, dann sind sie morgen nicht mehr existent. Und wenn die Betriebe weg sind, finden die junge Leute keinen Job mehr, die Handwerker fehlen – nicht nur ihre Geschäfte, sondern auch ihr gesellschaftliches Engagement etwa in den Vereinen, der Ort überaltert und verkümmert.

Drängt das jetzt besonders, angesichts der Erfolge der AfD?
Wir müssen etwas für den sozialen Zusammenhalt in diesem Land tun. Viele Menschen fühlen sich abgehängt, vor allem in Gebieten im ländlichen Raum mit seinen vielen Funklöchern. Viele Menschen dort haben das Gefühl, vergessen worden zu sein.

Aber so gut wie es dem Handwerk derzeit geht, ist es Ihnen doch wahrscheinlich egal, ob Deutschland derzeit regiert wird oder nicht.
Uns im Handwerk ist nichts egal, was mit Politik zu tun hat. Eine geschäftsführende Regierung gestaltet nicht. Dass sich Union, FDP und Grüne nach zig Sitzungen nicht einigen konnten und parteitaktische Überlegungen nicht zurückgestellt haben, das halte ich für ein schlechtes Signal.

Wer ist denn schuld?
Das kann ich Ihnen nicht sagen. Für mich hat sich bisher kein klares Bild ergeben. Aber die Mentalität von Handwerkern ist es ohnehin, nach vorne zu schauen, nicht lange rumzureden, sondern anzupacken und praktikable Lösungen zu suchen. Das würde ich auch der Politik empfehlen. Für uns im Handwerk ist eine lange Hängepartie jedenfalls Gift. Wirtschaftspolitik ist auch ein Stück Psychologie. Wenn die Betriebe wissen, es gibt eine stabile Regierung, die Gesetze, die Steuersätze, die Sozialbeiträge werden auch in zwei Jahren noch Bestand haben, dann investieren sie viel bereitwilliger. Ungewissheit lähmt unternehmerischen Elan. Außerdem stehen generell große Themen an, von Europa über die Digitalisierung bis zu Demographie und Terror.

Die SPD steht ja vielleicht kurz davor, über ihren Schatten zu springen – will aber den Preis hochtreiben und beispielsweise die Bürgerversicherung durchsetzen.
Unser Gesundheitssystem ist ein sehr gutes, gerade auch durch den Wettbewerb zwischen gesetzlicher und privater Krankenversicherung. Letztere finanziert das Gesamtsystem ein stückweit mit. Es stellt sich schon die Frage: Wenn Ärzte nicht mehr den 2,3 fachen Satz für Privatpatienten abrechnen dürfen, wer kommt dann für ihre Verdienstausfälle auf? Das werden dann vermutlich alle Bürger bezahlen müssen, das wird teuer werden, und das möchten wir nicht. Es muss überhaupt eine rote Linie von 40 Prozent für die Sozialabgaben geben. Bei unseren Mitarbeitern bleibt zu wenig vom Lohn im Portemonnaie, weil sie zu wenig Netto vom Brutto haben. Deshalb muss auch der Soli-Abbau beginnen, und zwar sofort und für alle. Und dem Mittelstandsbauch bei der Einkommensteuer müssen wir dringend eine Diät verpassen, der muss flacher werden.

Um das zu finanzieren, will die SPD den Spitzensteuersatz anheben.
Das würde unsere Betriebe enorm treffen, denn rund 80 Prozent sind Einzelunternehmen oder Personengesellschaften. 60.000 Euro Gewinn sind schnell erreicht, die unterliegen dann immer dem Spitzensteuersatz. Das wollen wir nicht.

Haben Sie SPD-Chef Martin Schulz in dieser Sache schon die Meinung gesagt?
Ich war im Willy-Brandt-Haus und habe mit ihm persönlich gesprochen. Das war ein konstruktives Gespräch – und ich glaube, den ein oder anderen Punkt hat er aufgenommen.

Hegen Sie denn auch gewisse Hoffnungen, was eine große Koalition angeht?
Wir haben große Schnittmengen im Bildungsbereich. Der Fokus muss endlich stärker auf die berufliche Bildung gelegt werden. Es war gut, einen Hochschulpakt aufzulegen, jetzt ist es aber Zeit für einen Berufsbildungspakt. Mit Geldströmen kann man auch Bildungsströme lenken, und das sollte jetzt in Richtung berufliche Bildung gehen – ohne den Hochschulbereich zu vernachlässigen.Damit mehr junge Menschen diesen Weg zum Meister anstreben, sollte er einem Studium in nichts nachstehen, auch nicht in finanzieller Hinsicht. Jeder sollte sich den Meister leisten können.

Trauern Sie Jamaika hinterher?
Einige Dinge waren auf einem guten Weg. Neben der Bildungspolitik, die auch bei Jamaika in die richtige Richtung ging, etwa der Abbau des Solidaritätszuschlags. Auch die steuerliche Förderung der energetischen Gebäudesanierung hätte im dritten Anlauf was werden können. Insgesamt konnten wir Jamaika schon etwas abgewinnen, das hätte unserem Land einen Modernisierungsschub geben können. Wir hatten sowas noch nie, da hätten wir Politik mal neu denken müssen.

Derjenige, der „Denken wir neu“ auf seinen Plakaten stehen hatte, hat Jamaika aber höchstselbst platzen lassen. Sind Sie sauer auf FDP-Chef Christian Lindner? Die FDP ist dem Handwerk ja durchaus näher als etwa die Grünen.
Wir machen hier im Verband und im Handwerk allgemein keine Parteipolitik.  Wir sprechen mit Politikern und versuchen sie zu beraten, wenn es die Wirtschaft betrifft. Wir diskutieren und kämpfen auch, aber wir hängen uns an keine Partei.

Das Interview führte Henrike Roßbach und erschien am 1. Dezember 2017 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Quelle: Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH)