Kreishandwerkerschaft Heinsberg

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„Beide Seiten müssen aufeinander zugehen“

Im Interview mit der Deutschen Universitätszeitung (duz) spricht ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer über Kooperationen von Hochschulen und Handwerksbetrieben.

Warum ist Forschungstransfer auch – oder vielleicht gerade – für Handwerksbetriebe wichtig?

Handwerker, die ein Problem in der Praxis erkennen, suchen nach der besten Lösung. Hierfür verfügen sie nicht nur über hoch qualifiziertes Personal und zeichnen sich durch einen hohen Grad an Flexibilität aus. Vielmehr denken Inhaber und Mitarbeiter aufgrund ihrer direkten Beziehung zum Kunden in den Dimensionen ihrer Auftraggeber und suchen auch stets nach innovativen Lösungen, die marktgerecht und realistisch sind.

Nicht alle technischen Probleme können aber immer von den Handwerksunternehmen selbst gelöst werden. Hier liefert die Wissenschaft wertvollen Input. Gleichzeitig bietet eine Kooperation mit dem Handwerk den Wissenschaftlern die Möglichkeit, ihre Erkenntnisse und Erfahrungen in die praktische Anwendung zu bringen.

Fällt Ihnen ein Beispiel für ein gelungenes Forschungs-Transferprojekt ein?
Ein anschauliches und typisches Beispiel für ein erfolgreiches Transfer-Projekt zwischen Handwerk, Forschung und Wissenschaft ist die „Augen-OP für Autos“. Sind in einem LED-Scheinwerfer die Dioden defekt, wird in der Regel der gesamte Scheinwerfer ersetzt. Und das, obwohl meist nur eine kleine, einzelne Komponente defekt ist.

Das kostet den Besitzer nicht selten einen vierstelligen Betrag und ist auch in ökologischer Hinsicht problematisch. Um dem entgegenzuwirken, hat KFZ-Meister Demeter in Konradsreuth gemeinsam mit der Fraunhofer-Projektgruppe Prozessinnovation und der Universität Bayreuth ein innovatives Austauschverfahren entwickelt.

Es sorgt dafür, dass sich auch kleine Teilkomponenten des defekten LED-Scheinwerfers auswechseln lassen, ohne gleich die gesamte Baugruppe austauschen zu müssen. Realisiert wird dies durch eine Art Ofen, in dem der Scheinwerfer mit Saugnäpfen befestigt und bis zu 100 Grad Celsius erhitzt wird. Dadurch wird die Öffnung des Scheinwerfers ermöglicht, ohne die leicht zerbrechliche Glasabdeckung der LEDs zu beschädigen. Eine Lösung, die bald schon zum Standardrepertoire einer Autowerkstatt gehören könnte.

Was muss passieren, damit Hochschulen und Handwerksbetriebe miteinander ins Gespräch kommen bzw. das Gespräch suchen?
Die Partner müssen sich kennen und von den Arbeitsergebnissen und den Tätigkeitsbereichen des anderen wissen. Das ist die wichtigste Voraussetzung für einen funktionierenden Wissens- und Technologietransfer zwischen Wissenschaft und Handwerk. In der Praxis ist es oft gar nicht so einfach, in der Fülle von Wissenschaftseinrichtungen und -themen den richtigen Ansprechpartner zu finden. Eine Recherche über ein spezielles Thema braucht Zeit und ist aufwendig.

Deshalb beschäftigen wir bei den Handwerksorganisationen rund 100 Beauftragte für Innovation und Technologie (BITs), die unseren Betrieben dabei helfen, für ihre Innovationsaktivitäten die richtigen Ansprechpartner an Universitäten und Fachhochschulen zu finden.

Und sie helfen auch bei der Kommunikation: Denn nicht immer werden wissenschaftliche Ergebnisse und Leistungen so dargestellt, dass ein Praktiker diese schnell verstehen kann. Umgekehrt ist es auch für Wissenschaftler häufig schwierig, sich über die Tätigkeitsbereiche und Fragestellungen von Handwerksbetrieben zu informieren.

Ist es denkbar, dass ein Handwerksmeister sich an eine Hochschule wendet?

Dass sich Handwerker an Hochschulen wenden und umgekehrt Wissenschaftler an Handwerksbetriebe, ist keine Seltenheit und auch nicht neu. Seit über 30 Jahren beispielsweise zeichnet der bundesweite Seifriz-Preis regelmäßig Best-Practice-Beispiele für den gelungenen Transfer zwischen Handwerk und Wissenschaft aus, die zu besseren, kundengerechteren Lösungen geführt haben. Gleichzeitig liefert der Preis die ideale Plattform, um solche Beispiele einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen.

Ich bin davon überzeugt, dass in Zukunft die Kooperation mit der Wissenschaft für die Handwerker noch wichtiger werden wird. Technologien entwickeln sich immer rasanter und die technologischen Anforderungen für Lösungen sind enorm gestiegen. Handwerker müssen daher schneller und innovativer sein. Die Fähigkeit, erfolgreichen Transfer zwischen Handwerk und Wissenschaft anzubahnen und durchzuführen, wird daher für unsere Unternehmen in Zukunft noch an Bedeutung gewinnen. Damit dies gut funktioniert, müssen beide Seiten aufeinander zugehen.

Wenn nicht: Was kommt als Hinderungsgrund / Hinderungsgründe in Betracht?

Es gibt zahlreiche Gründe, warum Handwerker nicht auf die Wissenschaft zugehen: Mangelnde Kenntnisse über die Hochschul- und Lehrstuhllandschaft oder Berührungsängste generell. Aber all das zählt nicht, weil wir mit den Innovationsberatern unserer Handwerkskammern Mittler zwischen den beiden „Welten“ haben.

Diese BITs haben die Aufgabe, wissenschaftliche Erkenntnisse und innovative Technologien in Handwerksunternehmen zu etablieren und bei der Entwicklung von Kooperationen zu unterstützen. Im Technologietransfer sind unsere BIT-Berater wichtige Multiplikatoren, da sie sowohl von den Arbeitsergebnissen und den Tätigkeitsbereichen der Handwerker als auch von den Wissenschaftlern wissen.

Ist es aus Ihrer Sicht sinnvoll, Studienaussteiger für Handwerk zu gewinnen?
Studienaussteiger sind im Handwerk willkommen! Nahezu alle Handwerkskammern führen Maßnahmen durch, um Studienaussteiger in die berufliche Bildung zu integrieren, oder sie unterstützen bzw. planen entsprechende Maßnahmen.

Die Kammern haben spezifische Angebote im Portfolio, um diese Zielgruppe für eine Karriere im Handwerk zu gewinnen – dazu zählen etwa spezifische Karriereoptionen, die Verkürzung der Ausbildungsdauer oder die Anrechnung von Studienleistungen auf die Fortbildung. Die Handwerkskammern kooperieren hierzu mit Hochschulen oder den Agenturen für Arbeit und den Jobcentern vor Ort.

So pflegt die HWK Dresden etwa Kontakte zur psychosozialen Beratungsstelle beim Studentenwerk. Die HWK Rheinhessen wiederum kooperiert nicht nur mit Hochschulen, sondern auch mit einzelnen Professoren. Als erfolgreich angesehen werden die von den einzelnen Kammern im Rahmen der Jobstarter-Initiative gestarteten Programme für Studienaussteiger. Beispielhaft sei hier das Programm der Handwerkskammer des Saarlandes und der rheinlandpfälzischen Handwerkskammern „Vom Hörsaal zum Handwerk“ genannt.

Könnten Studienaussteiger für das Handwerk einen Mehrwert mitbringen?
Studienaussteiger bringen in der Regel fachtheoretisches Wissen mit. Dieses Wissen können Sie beispielsweise im Rahmen einer dualen Ausbildung in der betrieblichen Realität überprüfen. Dieser Prozess kann kreative Kräfte freisetzen, die zu innovativen Lösungen führen. Wenn Inhalte der Ausbildung und des Studiums vergleichbar sind, also beispielsweise der heutige Auszubildende im E-Handwerk Wissen aus dem Elektrotechnikstudium mit in den Betrieb bringt, dann hat dadurch nicht nur der Auszubildende einen Vorteil, sondern der gesamte Betrieb.

Hinzu kommt die Erfahrung des Scheiterns und der Neuorientierung. Oftmals planen Studienaussteiger ihren neuen Karriereweg sehr gewissenhaft. Studienaussteiger sind in der Regel in ihrer Persönlichkeit gefestigter und weiter entwickelt als Auszubildende, die gerade die Schule verlassen haben. Aufgrund des höheren Alters kann der Ausbildungsbetrieb durchaus von Studienaussteigern mehr erwarten als von Schulabgängern.

Quelle: Zentralverband des Deutschen Handwerks (www.zdh.de)