Kreishandwerkerschaft Heinsberg

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„Ausbildung hat für das Handwerk absolute Priorität“

„Wir müssen alles dafür tun, dass wir nicht von einer Coronakrise in eine Fachkräfte- und Ausbildungskrise rutschen. Sonst verbauen wir nicht nur den jungen Leuten Perspektiven, sondern am Ende auch der ganzen Gesellschaft. Deshalb kämpfen wir um jeden Azubi“, so ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer im Interview mit Dr. Thomas Meyer-Lüttge vom „NordHandwerk“.

Am 26. September ist Bundestagswahl. Die Ära Merkel endet, der Problemdruck ist gewaltig. Es steht viel auf dem Spiel, oder?

An Herausforderungen mangelt es uns in Deutschland sicherlich nicht. Das stimmt. Die wichtigsten Fragen sind für mich: Wie bewältigen wir die enormen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen der Pandemie? Wie bleibt Deutschland wettbewerbsfähig? Wie sichern wir unseren Wohlstand? Was haben wir aus den vergangenen anderthalb Jahren gelernt? Und wie setzen wir das Gelernte mutig um?

Um all das geht es bei dieser Wahl. Ich wünsche mir eine entschlossene Politik, die Antworten liefert und dabei kleine und mittlere Unternehmen im Blick hat. Der Mittelstand gehört für mich auch politisch in den Mittelpunkt. Damit meine ich nicht nur die Anliegen unserer Betriebe und Beschäftigten. Sondern auch ihre Erfahrung und Potenziale.

Das – vorsichtig formuliert – unglückliche Agieren der Bundes- und Länderregierungen während der zweiten Corona-Welle beginnt das öffentliche Bild des Bundeskabinetts und der Bundeskanzlerin zu prägen. Wie lautet aus handwerkspolitischer Perspektive Ihre Bilanz der Regierungsarbeit in den vergangenen dreieinhalb Jahren?

Natürlich prägt es das Gesamtbild, wie die Bundesregierung mit der Pandemie umgegangen ist. Die Hilfsprogramme stehen für mich klar auf der Habenseite. Nur dadurch konnten sich viele unserer Betriebe und Beschäftigten über Wasser halten. Kritisch bewerte ich die bürokratische Umsetzung dieser Programme, die lange Zeit schleppende Impfkampagne und den Flickenteppich bei den Corona-Regeln.

Ich will die Regierungsbilanz aber nicht nur am Corona-Management festmachen. Denn es gab in den vergangenen Jahren auch noch andere Themen im Handwerk. Ich freue mich, dass es gelungen ist, in zwölf Berufen wieder eine Meisterpflicht einzuführen. Auch beim Thema Fachkräfteversorgung sind wir politisch vorangekommen. Aus- und Weiterbildung wurden gestärkt, die Fachkräfteeinwanderung gesetzlich reguliert.

Nicht zufrieden bin ich mit dem, was die Regierung beim Bürokratieabbau auf den Weg gebracht hat. Das reicht hinten und vorne nicht. Unsere vielen rechtschaffenen Betriebe und Beschäftigten haben mehr Vertrauen verdient. Und deutlich mehr Entlastung.

Vor ein paar Wochen hat die Handwerksorganisation unter dem Titel „Wissen, was zu tun ist. Für uns. Für alle. Für eine gute Zukunft“ ihre politischen Erwartungen zur Bundestagswahl 2021 in einer Broschüre vorgestellt. Welche Handlungsfelder sind prioritär?

An erster Stelle stehen unsere Betriebe und Beschäftigten. Und zwar nicht nur im Inhaltsverzeichnis. Die vergangenen Monate sind auch am Handwerk nicht spurlos vorbeigegangen. Lockdown, Betriebsschließungen, Umsatzeinbrüche, Kurzarbeit. Hinzu kommt jetzt ein dramatischer Preisanstieg bei vielen Baumaterialien. Das war und ist für viele eine richtig harte Zeit. Für uns hat daher Priorität, dass die Politik Handwerksbetriebe entlastet und stärkt.

Auch die Fachkräftesicherung spielt für uns eine zentrale Rolle. Und: Deutschland muss die Chancen in Zukunftsfeldern endlich entschiedener nutzen. Bei der Digitalisierung, bei der nachhaltigen Entwicklung unseres Landes. Wir brauchen eine mutige Vision für die Zukunft, anstatt immer nur zu sagen, was alles nicht geht. Das Bild von der Krise als Chance ist oft bemüht worden. Aber es trifft den Kern. Also: Nutzen wir die Chancen, die sich uns jetzt bieten.

Grundsätzlich gefragt: Brauchen wir anstatt einer neuen Bundesregierung nicht eher eine neue politische Kultur. Eine, die einem weiteren Horizont verpflichtet ist? Eine, in der Regierungshandeln nicht vom nächsten Wahltermin bestimmt wird? Digitale Transformation, Klimawandel, Fachkräftesicherung und vieles andere sind Herausforderung, denen wir uns über Jahrzehnte stellen müssen.

Da stimme ich Ihnen zu. Deshalb haben wir als Handwerk auch so großen Wert darauf gelegt, dass wir während der Pandemie nicht ausschließlich über Krisenbewältigung sprechen. Sondern auch nach vorne blicken und über das reden, was wir in Zukunft erreichen wollen. Wo wir als Land hinwollen. Die Herausforderungen werden ja nicht kleiner. Aber ich sehe eben auch, dass wir in vielen Bereichen großen Nachholbedarf haben.

Der Reformdruck, der auf unserem Land lastet, ist gewaltig. Etwa im Bereich der sozialen Sicherungssysteme. Die Pandemie hat schonungslos die Schwachstellen aufgezeigt, unter denen unsere Betriebe und Beschäftigten leiden. Im Bereich der öffentlichen Verwaltung, bei der Infrastruktur, bei der Digitalisierung. Für Deutschland gilt: Wenn wir weiter zu den Besten gehören wollen, müssen wir Vieles besser machen.

Unter dem Eindruck eines Urteils des Bundesverfassungsgerichts ist das Klimaschutzgesetz kürzlich konkretisiert und verschärft worden. Kritiker, darunter der ZDH, werfen der Bundesregierung vor, sie operiere mit marktfernen Instrumenten. Was muss Berlin besser machen?

Auch beim Klimaschutz müssen die Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft gelten. Wir werden nicht müde, das immer wieder zu betonen. Wettbewerbsorientierung, Anbietervielfalt und dezentrale Lösungen sind für uns ganz entscheidende Punkte. Im Übrigen gilt auch bei diesem Thema: Wir müssen eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Chance daraus machen, keine neue Belastung.

Ich sehe das Handwerk für diese Entwicklung gut aufgestellt. Handwerkerinnen und Handwerker setzen schon jetzt maßgeblich die Energiewende um. In unseren Betrieben und Beschäftigten steckt viel Expertise und ein großes Potenzial. Beides bringen wir gerne ein. Dazu brauchen unsere Betriebe aber auch faire und mittelstandsfreundliche Rahmenbedingungen.

Ein für das personalintensive Handwerk wie für den Wirtschaftsstandort Deutschland insgesamt existenzielle Frage ist die Fachkräftesicherung. Welche Hebel bieten sich der Politik, die handwerkliche Ausbildung und den Verbleib der Fachkräfte im Handwerk attraktiver zu gestalten?

Wie schon gesagt: Ausbildung hat für das Handwerk absolute Priorität. Das zeigen wir auch beim Sommer der Berufsbildung, den wir gerade gemeinsam mit unseren Partnern der Allianz für Aus- und Weiterbildung durchführen. Wir müssen alles dafür tun, dass wir nicht von einer Coronakrise in eine Fachkräfte- und Ausbildungskrise rutschen. Sonst verbauen wir nicht nur den jungen Leuten Perspektiven, sondern am Ende auch der ganzen Gesellschaft.

Deshalb kämpfen wir um jeden Azubi. Die berufliche Ausbildung muss gestärkt werden. Drei Punkte sind mir dabei besonders wichtig. Erstens: Wir brauchen mehr Wertschätzung der Politik für das, was unsere Betriebe jeden Tag leisten. Nicht nur mit warmen Worten, sondern auch mit spürbarer Entlastung. Zweitens: Wir benötigen mehr Unterstützung für Auszubildende, etwa durch Azubitickets. Drittens: Es braucht endlich eine echte Gleichwertigkeit zwischen beruflicher und akademischer Bildung.

Fachkräfte müssen nicht nur herangebildet werden. Die Betriebe müssen sie auch bezahlen können. Arbeit wird immer teurer. Experten rechnen bereits vor, dass die Sozialversicherungsbeiträge von derzeit knapp 40 Prozent bis 2040 auf 50 Prozent steigen dürften. Wie muss hier gegengesteuert werden.

Sie nennen einen entscheidenden Punkt, der unseren Betrieben sehr viel Kopfzerbrechen bereitet. Die Sozialbeiträge und damit die Kostenbelastung der personalintensiven Betriebe des Handwerks dürfen nicht weiter steigen. Bei 40 Prozent liegt die absolute Schmerzgrenze. Wir brauchen Stabilität und nachhaltige Strukturen in allen Bereichen, bei der Altersvorsorge, bei der gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung.

Statt einmaliger Liquiditätshilfen des Bundes sollte in allen Sozialversicherungszweigen ein Bundeszuschuss gezahlt werden. Nur durch stabile Beiträge stellen wir sicher, dass der Mittelstand auch weiterhin Freiräume hat, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein.

Wenn Sie mit Blick auf den 26. September einen Wunsch frei hätten, wie lautete dieser?

Ich empfinde das Wählen nicht nur als Bürgerpflicht, sondern auch als echtes Privileg. Ich wünsche mir, dass im September wieder möglichst viele Menschen von diesem Privileg Gebrauch machen. Daher mein herzlicher Appell an Sie und Ihre Leserinnen und Leser ist: Bitte gehen Sie zur Wahl!

Quelle: Opens external link in new windowZentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH)